Redebeitrag vom FFF Klimastreik 19. März 21

Am 19.03.21 haben wir als Lokalgruppe der Plattform in Trier eine kurze Rede gehalten, in der wir uns als Gruppe vorstellten und unsere Perspektiven und Sichtweisen auf das Thema des Klimawandels und der Krise darstellten. Dazu gehören kurze Erläuterungen zu den Zusammenhängen der Klimakrise mit dem Kapitalismus. Viel Spaß beim Lesen!

Rede:

Wer seid ihr und was macht ihr?
Wir sind die Trierer Lokalgruppe der Plattform, einer sich weiterhin entwickelnden anarchakommunistischen Föderation mit plattformistischen Prinzipien. Die Grundsätze des Plattformismus, nach denen unsere Organisation arbeitet sind die Einheit unserer Theorie und Praxis, unser föderaler Aufbau durch autonome Lokalgruppen, unsere kollektive Verantwortlichkeit und Verbindlichkeit für unser aller Handeln und vor allem soziale Einfügung.

Das heißt wir versuchen unsere Ansätze und Ideen an Menschen in bestehenden sozialen Bewegungen zu tragen  und als gleichberechtigter Teil dieser Bewegungen in den kämpfen zu agieren. Als anarchistisch orientierte Menschen haben wir uns 2018 als Stella Nigra zusammengeschlossen und uns 2019 teilweise der entstehenden Föderation Die Plattform angeschlossen, um im gesamten deutschsprachigen Raum Wirkmacht zu entfalten ohne unseren Fokus auf das Lokale abzulegen. In diesem Rahmen versuchen wir anarchistische Ideen von gleichberechtigter Organisation aller! Menschen von unten in lokale und globale Kämpfe – etwa um Klimagerechtigkeit oder Feminismus – zu tragen.

Welche Rolle spielt Klimagerechtigkeit und der Kampf gegen die Klimakrise für euch dabei? 
Klimagerechtigkeit bzw. der Kampf gegen die Klimakrise sind für uns eines unserer Hauptthemen. Dies liegt zum einen daran, dass sie das gesamte Leben auf diesem Planeten in niemals gekannter Weise verändert und bedroht, zum anderen sehen wir lokal wie vor allem global, dass die Klimakrise eine der bedeutendsten sozialen Verwerfungen unserer Zeit darstellt und es wie so oft die ärmsten Menschen überproportional trifft. Der Begriff der Klimagerechtigkeit trifft es auf den Kopf, wird unserer Ansicht nach jedoch noch viel zu oft als ein reiner Generationenkonflikt betrachtet und nicht ausreichend in seinen sozialen und neokolonialen Dimensionen behandelt, die in aller Deutlichkeit schon im hier und jetzt stattfinden. Zudem sehen wir großes Potential zur Selbstorganisation in der Klimabewegung, worin wir Anarchist*innen viele unserer Ansätze wiederfinden

Ihr arbeitet zu vielen verschiedenen Themenbereichen, zum Beispiel zu Feminismus und Antifaschismus, aber ihr seid auch hier. Warum Thematisiert ihr so viele verschiedne Sachen 
In unseren politischen Vorstellungen spielt Intersektionalität eine wichtige Rolle. das heißt, dass wir soziale, ökonomische und politische Problemlagen nicht singulär/von einander getrennt betrachten, sondern als Symptome eines sich bedingenden, ineinandergreifenden Systems.  Diese Symptome sind in ihrer Logik, in ihren strukturellen Bedingungen untrennbar miteinander verknüpft, deshalb sind wir der Meinung, dass sie sich auch nur als ein Gesamtpaket angehen und überwinden lassen. Ein System, dessen Logik ein Problem inhärent hervorbringt kann nicht in der Lage sein, die Lösungen dafür bereit zu halten. Wir glauben, dass wer von der Klimakrise spricht, auch zum Kapitalismus nicht schweigen darf, wer Frauen*,-Trans*- und Queerfeindlichkeit überwinden möchte, muss auch von Rassismus und der Klassengesellschaft reden.

Wie sieht ein anarchistischer/kommunistischer Umgang mit der Klimakrise aus? 
Der anarchistische Kommunismus als gesellschaftliche Organisationsform geht von Föderationen freier Menschen aus, die ihre Interessen abwägen und aushandeln, ohne dass Einzelne hintenüber fallen. Solidarität mit allen Menschen und über nationale Grenzen hinaus spielt hierbei eine gewichtige Rolle, ebenso dezentrale auf Konsens aller Betroffenen basierte Entscheidungen, statt zentraler profitorientierter Verwaltung. Das heißt konkret, dass eine Gesellschaft, die sich nach anarchakommunistischen Prinzipien organisiert, ihre eigenen Lebensgrundlagen zwangsläufig im Auge behält. Sie wird Formen zu Wirtschaften und gemeinsam zu Leben finden müssen, die eine Ausbeutung unseres Planeten und mithin ein Abfrühstücken eben dieser Lebensgrundlagen verhindert, ohne dass es auf Kosten der Schwächsten geht. Jeder einzelne Mensch und seine Bedürfnisse stehen hier ebenso wie das Kollektiv klar im Zentrum unserer Überlegungen.

Welche Rolle spielt der Staat in der Klimakrise? Sind wir nicht auf seine Maßnahmen angewiesen?
Im Unterschied zur Mehrheitsgesellschaft sehen wir den Staat an sich und erst recht nicht in  seiner aktuellen Verfasstheit als eine Organisationsform im Interesse des gleichberechtigten miteinander an, sondern als ein Herrschaftsinstrument der oberen Klassen, mithin der Profiteur*innen all der Probleme gegen die wir kämpfen oder zumindest des Systems, das diese Probleme hervorbringt. Der Staat ist zwangsläufig auf eine Logik des Herrschens und Unterordnens, des Oben und Unten angewiesen und kann so niemals den Interessen aller Menschen gerecht werden. Deshalb wollen wir den Staat auch nicht verändern oder übernehmen, so wie es viele sozialistische Bewegungen und Akteur*innen in  Vergangenheit und Gegenwart wollten und wollen. Wie wir in den Staaten des sogenannten realexistierenden Sozialismus gesehen haben, ist gewaltsame Unterdrückung unter anderen ideologischen Vorzeichen nicht zu umgehen. Dies liegt in der Logik des Staates begründet. Um eine freies Leben für alle Menschen zu gewährleisten, müssen wir den Staat und die Logik der Herrschaft des Menschen über den Menschen und die Natur überwinden. Die staatlichen Reaktionen der vergangen Jahrzehnte auf die sich schon seit langem abzeichnende Klimakrise bestätigen uns in dieser Ansicht. So oft fragen wir alle uns, warum denn nicht einfach radikale Maßnahmen zur Problembewältigung getroffen werden. Die bittere und einfache Antwort ist: Es geht nicht! Die Logik der Herrschaft bedingt die Logik der Ausbeutung, der Kapitalismus ist obendrein auf immer mehr Wachstum und somit immer mehr Ausbeutung angewiesen. Natürlich begrüßen wir jede Maßnahme des Staates zur Einhegung der Klimakatastrophe oder allgemein gegen die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen, so wie wir auch jeden hart erkämpften sozialen Fortschritt begrüßen. Nur glauben wir nicht, dass das jemals reichen kann. Die konsequente Abkehr von Zerstörung und Ausbeutung ist nicht möglich in einem System, das maßgeblich auf Zerstörung und Ausbeutung basiert.

Ist Antikapitalismus gegen die Klimakrise notwendig? (warum) 
Der Kapitalismus ist in vielerlei Hinsicht die prägende globale Ideologie unserer Zeit. Selbst vorgeblich sozialistische Staaten wie etwa die Volksrepublik China vertreten einen in vielerlei Hinsicht noch destruktiveren Staatskapitalismus, es gibt momentan keinen Staat auf der Welt, der nicht nach diesen Logiken handelt.  Anders als von seinen Apologet*innen gebetsmühlenartig behauptet ist der Kapitalismus jedoch nicht einfach die Ausdrucksform des natürlichen Egoismus der Menschen sondern ein über Jahrhunderte entwickeltes und mit Strömen von Blut erkauftes und stabilisiertes System, das Vielen nützt, aber ungleich viel mehr Menschen Schaden zufügt. Unsere Art zu Leben und zu Wirtschaften, die die Klimakatastrophe, in die wir sehenden Auges hineinlaufen, erst hervorgebracht hat, wäre ohne Kapitalismus nicht denkbar. Das Schlagwort hier ist Wachstum. Ein kapitalistisches Wirtschaftssystem funktioniert niemals bedürfnisorientiert, es wird als Problem angesehen, wenn aus einem Euro nicht zwei Euro werden, völlig unabhängig davon, ob einer gereicht hätte. Dieses  System verbraucht also zwangsläufig  immer mehr Ressourcen, ohne dass eine perspektive auch nur denkbar wäre, dass es irgendwann genug sein könnte. Dieser Planet ist jedoch begrenzt, wie sollte der Kapitalismus also jemals klimagerecht sein. Wie sollte er überhaupt jemals in irgendeiner Hinsicht gerecht sein? Es gibt oben und unten und folgerichtig trifft die Klimakrise marginalisierte Menschen stärker. So wie dieses System und seine brutalen Folgen Menschen im globalen Süden ungleich härter benachteiligen, sind auch Frauen* und Queers stärker betroffen. Der Kapitalismus, seine Grundlagen, Krisen und Folgen können weder geschlechtergerecht noch klimagerecht sein.

Was können wir persönlich gegen die Klimakrise tun? (wollt ihr das ?)
Jede* von uns kann etwas gegen die Klimakrise unternehmen. Als Anarchist*innen denken wir jedoch immer in Zusammenhängen. Konsumkritik, sprich die individuelle Abkehr von einem vermeintlich klimaschädigenden Lebensstil kann demnach nicht die Lösung sein. Natürlich begrüßen wir individuelle Schritte, es ist gut etwa vegan zu leben, auf Flugreisen zu verzichten oder das Auto stehen zu lassen. Aber so werden wir niemals das System überwinden, das diesen Planeten zerstört. Auch ist es gefährlich, die Verantwortung für eine umwelt- und menschenzerstörende Produktionsweise bei ihren Endverbraucher*innen zu suchen. Nachfrage wird im Kapitalismus nicht individuell entschieden, sie wird gemacht. Und so bewundernswert individuelle Einschränkungen sind, die Möglichkeit hierzu ist global betrachtet ein Privileg, das die absolute Minderheit der Menschen besitzt. Es sind die Zusammenhänge in denen wir leben, die dieses Leben entscheidend beeinflussen. Ein nachhaltiger Wandel muss also auf diese Zustände zielen. Was unserer Meinung nach individuell wirklich hilft, ist es sich zu organisieren. Wenn ein Drittel der Menschen in diesem Land auf einmal vegan leben, wird sich allein dadurch nichts grundlegend geändert haben. Doch wenn sich dieses Drittel auf der Straße organisiert kann dieser Wandel kommen. Der Erfolg von FFF liegt nicht am individuellen ‚moral high ground‘ der Menschen, die etwa auf Demos mitlaufen, sondern der Umstand, DASS sie auf Demos laufen. Nur zusammen sind wir stark.

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